27. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium
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Panel: Leerstellen - Grenzen der Konstruktion

Vortragende: Jana Koch, Lena Stölzl, Valentin Mertes

Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit klaffen Leerstellen auf, die die Grenzen der filmischen Kon- struktionsarbeit erkennen lassen. In Ansätzen wie etwa Alexander Kluges „realistischen Methode“ wird dieses Verhältnis selbstreflexiv ausgestellt. Im Film selbst wird die Verschiebung von Bild- grenzen zum Potential. Hier erzeugen Verfahren der Distanzierung Raum für die Entfaltung von Eigensinn der RezipientInnen. Unser Panel stellt drei verschiedene Projekte vor, die auf diesem Forschungsfeld operieren.

Alexander Kluges Fernsehmagazine: Leerstellen, Konstruktionsarbeit - die realistische Methode

Maga Jana Koch

„Das alles hat den Charakter einer Baustelle“, schreibt Kluge in Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode. In seinen Kulturmagazinen versucht Kluge nicht den RezipientInnen die Wirklichkeit zu erklären – vielmehr lässt sich seine Erzählstruktur, die programmatisch auf die „Aktivierung des Zuschauers“ abzielt als ein Angebot verstehen, neue Erfahrungszusammenhänge entstehen zu lassen. Wenn Kluge etwa in seinen FACTS & FAKES ein Interview mit Helge Schneider führt, der in der Rolle eines Arztes auftritt, welcher wiederum Berlusconi nach einer Attacke mit einem Wurfgeschoß im Gesicht operiert haben will, lässt sich die theoretische Grundhaltung des multimedialen Autors an seiner Produktions- und Erzählweise erkennen: Kluge, der sich selbst als „artiste demolisseur“ versteht, de- und rekonstruiert die Meldung eines Ereignisses, verschiebt die Perspektive und erzeugt Leerstellen als Angebot. Die Auseinandersetzung mit seinen Fernseh- produktionen kann nicht losgelöst von seinen filmtheoretischen Schriften erfolgen, die ich in meinem Vortrag anhand von kurzen Beispielen mit seinen ästhetischen Verfahren eng führe.

Grenzwerte des Bildes: Konfrontation, Konstruktion, Korrelation

Maga Lena Stölzl

„[W]as das Bild möglich macht, ist die Grenze an der es endet“, meinte Maurice Blanchot. Mit der Rahmung des Bildes sind wir mit einer Grenze im doppelten Sinn konfrontiert: zum einen produziert der Fokus eine Sichtbarkeit, zum anderen schneidet er diese aus der Wirklichkeit heraus. So sind wir im Bildraum stets mit der Unsichtbarkeit konfrontiert. Bezogen auf die schweifenden Blicke und wechselnden Ansichten des Films gerät dieses Verhältnis selbst in Bewegung: die äußeren Grenzen beginnen mit den inneren zu korrelieren. In REVISION von Philip Scheffner (GER 2012) umgrenzen die Bilder ein Feld, das – zugleich ehemaliges Grenzgebiet und Tatort – in seiner Leere zu einem Sinnbild für die Lücken der Geschichte wird. Anhand dieses historischen Lokalaugenscheins wird die Definition der unsteten Ränder des Kaders in ihren Wechselwirkungen mit dem Bildraum versucht.

Eigensinn und Verfahren der Distanzierung in Alexander Kluges Film VERMISCHTE NACHRICHTEN

Mag. Valentin Mertes

Der „Eigensinn der lebendigen Art“, wie es bei Kluge heißt, artikuliert sich als Protest gegen Unter- drückungszusammenhänge. Medien sind schon immer Teil der Konstruktion und Reproduktion gesellschaftlicher Machtstrukturen gewesen, wobei sie in gleichem Maße auch Bedingung für deren Dekonstruktion und Kritik sind. So wird der Reflexionsfähigkeit des Films das Potential zugeschrieben, die Inkommensurabilität solcher Wirklichkeiten durch Distanzierung sichtbar und verhandelbar zu machen. Die Distanz ist eine doppelte, die sowohl Reflexion über unsere unhintergehbare Involviert- heit in mediale Vermittlungsprozesse zulässt als auch einen selbstreflexiven Umgang mit dem Medium Film ermöglicht, um damit die Verfahren und Techniken zu exponieren, die mitbestimmend für unser Wahrnehmungsverhältnis zur Wirklichkeit sind. Der Film VERMISCHTE NACHRICHTEN lässt an- hand verschiedener Einzelschicksale eine amorphe Grenze erahnen, an der sich der Eigensinn gegen die Übermacht medialer Einschreibungen zu behaupten sucht. Fassbar ist diese Grenze nicht, man kann aber durch die Analyse medialer Verfahren der Distanzierung ihre ästhetische sowie politische Verschiebung nachzeichnen.

Kurzvitae

Jana Koch, Studium der Sozialen Arbeit mit medienpädagogischem Schwerpunkt an der Fachhochschule München / Pasing, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaft, anschließendes Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Seit Juni 2013 Beschäftigung als Universiätsassistentin in Ausbildung (prae doc) am Institut für Theater,- Film- und Medienwissenschaft mit einem Dissertationsprojekt zu: Die Attraktionen der Moderne im Werk Alexander Kluges.

Valentin Mertes ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. Sein Forschungsinteresse gilt unter anderem den Formen medialer Darstellung von Geschichte, medientheoretischen Reflexionen, der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und dem Werk Alexander Kluges. Zurzeit arbeitet er an einem Dissertationsprojekt zur Ästhetik der medialen Verfahren in Kluges Filmen und Fernsehmagazinen.

Lena Stölzl hat in Wien und Berlin Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Besonderen Fokus legt sie auf psychoanalytische Filmtheorie, Historizität und Bildtheorie, sowie die Wechselwirkungen zwischen Kino und Zeitgeschichte. In ihrer Diplomarbeit analysiert sie den praktischen und theoretischen Umgang mit Geschichte von Walter Benjamin und Jean-Luc Godard auf der Suche nach dialektischen Bildern im Film. Zur Zeit ist sie Universitätsassistentin für Filmtheorie (prae-doc) am tfm | Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien mit einem Dissertationsprojekt zu bildlichen Topographien.